In der deutschen Politiklandschaft gibt es kaum eine Figur, die so kontinuierlich präsent, so rhetorisch brillant und gleichzeitig so umstritten ist wie Gregor Gysi. Sein Name ist ein Synonym für die politische Kultur Ostdeutschlands nach der Wende, für den schwierigen Transformationsprozess und für eine linke Politik, die sich nie angepasst hat. Wer ist dieser Mann, der mit seiner unverwechselbaren, rauen Stimme und scharfen Analyse seit über drei Jahrzehnten die Debatten im Bundestag mitgeprägt hat? Eine Annäherung an einen Jahrhundertpolitiker.
Herkunft und Prägung in der DDR: Das sozialistische Elternhaus
Gregor Gysi wurde am 16. Januar 1948 in Berlin geboren. Seine Herkunft ist bezeichnend: Sein Vater, Klaus Gysi, war ein hochrangiger Funktionär in der DDR, zeitweise Staatssekretär für Kirchenfragen und sogar Minister für Kultur. Seine Mutter, Irene Gysi, geborene Lessing, war eine enge Mitarbeiterin des DDR-Chefideologen Kurt Hager. Aufgewachsen in einem klar sozialistisch-intellektuellen Milieu, schien sein Weg vorgezeichnet. Gysi trat der DDR-Jugendorganisation FDJ bei und später, 1967, der SED. Doch bereits hier zeichnete sich eine ambivalente Haltung ab. Er studierte Jura an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte 1976 zum Dr. jur. – ein Titel, den er bis heute führt. Als Rechtsanwalt wurde er ab 1971 zu einer bekannten und gefragten Figur, weil er sich immer wieder für systemkritische Mandanten einsetzte, darunter Oppositionelle wie Bärbel Bohley, Robert Havemann und später sogar Bürgerrechtler während der Friedlichen Revolution 1989. Diese Rolle als „Anwalt der Systemgegner“ innerhalb des Systems ist der Schlüssel zum Verständnis der frühen Gysi-Biografie: Er war Teil des Apparats, nutzte aber dessen Spielräume bis zum Äußersten aus, um Dissidenten zu verteidigen. Eine Position zwischen Loyalität und Widerstand, die ihm bis heute von beiden Seiten vorgehalten wird.
Die Wendezeit und die Gründung der PDS: Der politische Durchbruch
Im Herbst 1989 wurde Gysi zur zentralen Figur im Umbruch der ostdeutschen Blockparteien. Die SED, moralisch und politisch am Ende, suchte einen neuen Weg und einen neuen Gesicht. Gysi, der systeminterne Kritiker mit sauberer Weste in der Anwaltsrolle, schien dafür prädestiniert. Am 9. Dezember 1989 wurde er zum Vorsitzenden der SED gewählt – die Partei benannte sich kurz darauf in SED-PDS und dann in PDS um. Gysi führte die Partei durch die erste gesamtdeutsche Wahl 1990 und wurde ihre prägende Identifikationsfigur. Sein Auftreten war anders: schlagfertig, witzig, intellektuell, medienerfahren. Er gab der ostdeutlichen Bevölkerung, die sich oft entwertet und abgehängt fühlte, eine politische Stimme. Unter seiner Führung etablierte sich die PDS als ostdeutsche Regionalpartei mit bundespolitischen Ambitionen. 1990 zog er in den Bundestag ein und wurde zur gefürchtetsten Debattierwaffe der Opposition. Seine Reden wurden und werden bis heute zu YouTube-Hits, in denen er mit beißender Ironie und präzisen Argumenten die Regierungspolitik zerpflückte.
Die Rolle im wiedervereinigten Deutschland: Brückenbauer und Reizfigur
Gregor Gysis politische Karriere im vereinten Deutschland ist eine Geschichte des Balancierens. Für viele Ostdeutsche war und ist er ein Identifikationspunkt, ein Mann, der ihre Biografien, Enttäuschungen und Erfahrungen versteht und artikuliert. Für viele Westdeutsche und Konservative war er lange der „rote SED-Anwalt“, ein unverbesserlicher Kommunist, der die DDR nicht grundsätzlich infrage stelle. Gysi selbst hat sich stets als Demokrat und Antifaschist bezeichnet, der die DDR zwar nicht pauschal verdammt, aber ihre repressiven und diktatorischen Aspekte klar benennt. Er war nie ein Nostalgiker, sondern stets ein Kritiker des real existierenden Sozialismus, den er aus eigener Erfahrung kannte.
Seine politische Heimat fand er in den linken Parteien, die aus der PDS hervorgingen: Zunächst war er Fraktionsvorsitzender der PDS im Bundestag, später nach der Fusion mit der WASG einer der beiden ersten Vorsitzenden der neuen Partei DIE LINKE. 2005 führte er die Linkspartei.PDS als Spitzenkandidat zu einem historischen Wahlergebnis. Als geschickter Stratege und pragmatischer Kopf trieb er immer wieder die Frage der Regierungsbeteiligungen auf Landesebene voran, etwa in Berlin, wo er 2001/2002 sogar als Bürgermeister kandidierte.
Der Publizist und der „Elder Statesman“
Nachdem Gysi 2015 den Fraktionsvorsitz niedergelegt hatte und 2021 aus dem Bundestag ausschied, ist er keineswegs von der politischen Bühne verschwunden. Als Rechtsanwalt ist er weiter tätig, er schreibt Kolumnen und Bücher, ist ein gefragter Talk-Gast und kommentiert das politische Geschehen mit der ihm eigenen Schärfe. Er hat den Status eines „Elder Statesman“ der deutschen Linken erreicht, eine moralische und intellektuelle Instanz, deren Urteil innerhalb und außerhalb der Partei Gewicht hat. Seine Memoiren „Ein Leben ist zu wenig“ wurden ein Bestseller und gewähren tiefe Einblicke in die deutsche Zeitgeschichte aus seiner Perspektive.
Das bleibende Paradoxon Gregor Gysi
Gregor Gysi bleibt eine paradoxe Figur. Ein Intellektueller aus der DDR-Nomenklatura, der zum Anwalt der Opposition wurde. Ein Sozialist, der den Kapitalismus analysiert wie kaum ein Zweiter. Ein Polemiker, der gleichzeitig Brücken bauen will. Ein Politiker der LINKEN, der bei Wählern jenseits des traditionellen Lagers Respekt genießt. Seine Bedeutung liegt nicht in Ministerämtern, sondern in seiner Wirkung als politischer Lehrer, als scharfer Analytiker und als lebendiges Stück deutsch-deutscher Geschichte. Er verkörpert wie kein Zweiter die unvollendete innere Einheit Deutschlands, die unterschiedlichen Prägungen und den fortwährenden Dialog – oder Streit – zwischen Ost und West. Solange es diese Debatte gibt, wird die raue, kluge Stimme von Gregor Gysi nicht verstummen.
FAQs (Häufig gestellte Fragen) zu Gregor Gysi
1. Hat Gregor Gysi einen Doktortitel?
Ja, Gregor Gysi trägt den akademischen Titel Dr. jur. (Doktor der Rechte). Er promovierte 1976 an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mit einer Arbeit zum Thema „Die weitere Entwicklung der sozialistischen Demokratie in der DDR und die Aufgaben der juristischen Wissenschaft“. Er verwendet den Titel in der Öffentlichkeit regelmäßig.
2. Was hat Gregor Gysi in der DDR gemacht?
Gregor Gysi war in der DDR vor allem als Rechtsanwalt tätig. Nach seinem Jurastudium und der Promotion erhielt er 1971 seine Zulassung als Anwalt. Er verteidigte in dieser Funktion nicht nur „normale“ Mandanten, sondern auch systemkritische Personen und oppositionelle Künstler, wie Bärbel Bohley, Robert Havemann und andere Dissidenten. Diese Rolle als „Anwalt der Regimekritiker“ machte ihn bekannt. Parallel war er Mitglied der staatstragenden SED, der er 1967 beigetreten war.
3. Ist Gregor Gysi kommunistisch?
Gregor Gysi bezeichnet sich selbst als Sozialisten und Demokraten. Er war Mitglied der SED, der sozialistischen Einheitspartei der DDR, die einen marxistisch-leninistischen, kommunistischen Anspruch hatte. Nach der Wende wurde er Vorsitzender der aus der SED hervorgegangenen PDS und später führendes Mitglied der Partei DIE LINKE. Seine politischen Positionen sind klar links und antikapitalistisch ausgerichtet. Ob man ihn als „Kommunisten“ im klassischen dogmatischen Sinne bezeichnet, ist umstritten; er ist ein pragmatischer Linker mit kommunistischen Wurzeln, der die demokratischen Grundregeln anerkennt.
4. Wie viel verdient Gregor Gysi?
Das genaue Gehalt von Gregor Gysi ist privat. Man kann es jedoch anhand bekannter Diäten und Einkünfte abschätzen. Als Bundestagsabgeordneter (bis 2021) bezog er die übliche Abgeordnetenentschädigung, die zuletzt bei rund 10.000 Euro brutto im Monat lag. Zusätzlich erhielt er als langjähriger Fraktionsvorsitzender eine Zulage. Heute bezieht er als Alterspräsident des Deutschen Bundestags a.D. eine Pension, die sich an der Höhe der Abgeordnetenentschädigung orientiert. Hinzu kommen Einkünfte aus seiner anwaltlichen Tätigkeit, Buchveröffentlichungen, Vorträgen und Medienauftritten. Sein Gesamteinkommen liegt damit vermutlich deutlich über dem deutschen Durchschnitt, ist aber nicht mit exorbitanten Top-Gehalten aus der Wirtschaft zu vergleichen.








