Die deutsche Medienlandschaft hat in den letzten Jahren kaum eine polarisierendere Figur erlebt als Julian Reichelt. Sein Aufstieg zum mächtigsten Zeitungsredakteur des Landes, gefolgt von einem spektakulären Sturz, und sein anschließendes Comeback in neuen Rollen werfen Fragen auf über Macht, Moral und die Zukunft des Journalismus. Dieser Blogbeitrag zeichnet die Stationen seiner Karriere nach und beleuchtet die Kontroversen, die seinen Weg begleiten.
Der Aufstieg: Wunderkind des Boulevardjournalismus
Julian Reichelt, geboren 1980 in München, trat seine Karriere bei der Bild-Zeitung an, dem auflagenstärksten Boulevardblatt Europas. Schnell fiel er durch sein rhetorisches Talent, sein Gespür für Themen und seinen unermüdlichen Arbeitseinsatz auf. Unter der Ägide von Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE, stieg Reichelt auf. 2017 wurde er, mit nur 37 Jahren, zum Chefredakteur von Bild Digital ernannt, 2018 übernahm er die Gesamtverantwortung für die Bild-Zeitung.
Seine Redaktionsführung war geprägt von einer aggressiven Digitalstrategie. Er trieb die Transformation des Printriesen in ein digitales Nachrichtenimperium voran, mit klarem Fokus auf Reichweite, virale Themen und eine emotionale, oft polarisierende Ansprache. Unter seiner Führung verstärkte Bild ihren politischen Einfluss, insbesondere durch scharfe Kampagnen gegen die Politik von Angela Merkel während der Flüchtlingskrise und später durch deutliche Unterstützung marktwirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Positionen.
Die Macht und die Kontroversen
Reichelts Bild wurde unter seiner Ägide zu einem machtvollen politischen Akteur. Die Schlagzeilen waren oft direkte Ansprachen an die Kanzlerin („Was tun Sie jetzt, Frau Merkel?„) oder massive Kritik an politischen Entscheidungen. Dieser Journalismus, den seine Befürworter als „mutig“ und „volksnah“ lobten, wurde von Kritikern als populistisch, vereinfachend und brandstiftend verurteilt. Die Grenze zwischen Meinung und Nachricht schien zunehmend zu verschwimmen.
Parallel zu diesen inhaltlichen Debatten rumorte es hinter den Kulissen. Schon länger gab es Berichte über eine toxische Führungskultur in der Bild-Redaktion. Doch es waren letztlich persönliche Verfehlungen, die Reichelts Position ins Wanken brachten.
Der Sturz: Die Vorwürfe und die Untersuchung
Im Herbst 2021 eskalierte eine Krise, die sich lange angebahnt hatte. Durch investigative Berichte des Spiegel und der New York Times wurden schwere Vorwürfe öffentlich. Im Kern ging es um zwei miteinander verwobene Anschuldigungen:
- Machtdynamiken und persönliche Verfehlungen: Reichelt wurde vorgeworfen, seine berufliche Position genutzt zu haben, um private Beziehungen zu Mitarbeiterinnen zu forcieren. Es gab Vorwürfe der Nötigung und des Machtmissbrauchs. Betroffene Frauen berichteten von einem Klima der Angst.
- Vertuschung auf Vorstandsebene: Die schwerwiegendere Anschuldigung traf den Springer-Konzern selbst. Der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner und der Personalvorstand wurden beschuldigt, bereits Jahre zuvor von den Vorfällen gewusst, interne Untersuchungen jedoch nicht konsequent zu Ende geführt und Reichelt gedeckt zu haben. Die Wiederernennung Reichelts zum alleinigen Chef im Jahr 2021, nach einer nur kurzen „Auszeit“, erschien vor diesem Hintergrund besonders fragwürdig.
Angesichts des enormen öffentlichen Drucks und dem Abspringen von Werbekunden entließ die Axel Springer SE Julian Reichelt am 18. Oktober 2021 mit sofortiger Wirkung. Das Ende war spektakulär und wurde bundesweit als Zeitenwende im deutschen Journalismus diskutiert.
Das Comeback: Reichelt 2.0
Doch Julian Reichelt verschwand nicht von der Bühne. Nach einer kurzen Phase der Stille startete er ein bemerkenswertes Comeback, das sein neues Umfeld und seine veränderte Rolle zeigt:
- Podcast und eigene Plattform: Er lancierte den Podcast „Die Nachrichten-WG“ mit Ex-Bild-Kollege Boris Rosenkranz. Darin präsentiert er sich als „entfesselter“, unabhängiger Journalist, der frei von Konzernzwängen die „wahren“ Themen anpackt.
- Zusammenarbeit mit rechten und kontroversen Medien: Reichelt trat regelmäßig bei RT DE (dem deutschen Ableger des russischen Staatsenders, inzwischen verboten) und beim YouTube-Kanal „AUF1“ auf, einem verschwörungsideologisch geprägten Medium aus Österreich. Diese Auftritte brachten ihm den Vorwurf ein, sich in ein milieuspezifisches, oft systemkritisches Umfeld zu begeben.
- Buchveröffentlichung: 2023 erschien sein Buch „Die Volksrepublik Deutschland: Wie wir unsere Freiheit und Werte verspielen“, das sich als Abrechnung mit der Ampel-Regierung und dem politischen „Mainstream“ versteht und in rechten und konservativen Kreisen Bestseller-Status erreichte.
- Rednertätigkeit: Er ist ein gefragter Redner auf Veranstaltungen der Alternative für Deutschland (AfD) und anderer konservativer bis rechter Gruppierungen.
Seine heutige Rhetorik ist schärfer denn je. Er spricht von „Staatsfunk„, „gleichgeschalteten Medien“ und einem „korrupten System„. Für seine Anhänger ist er ein Whistleblower und Freiheitskämpfer, für seine Kritiker ein Demagoge, der gezielt an den Grundfesten des demokratischen Diskurses sägt.
Die größere Debatte: Ein Symptom der Vertrauenskrise
Die Figur Julian Reichelt steht symptomatisch für tiefgreifende Krisen:
- Die Krise des traditionellen Journalismus: Sein Sturz bei Bild offenbarte strukturelle Probleme in Verlagshäusern (Machtkontrolle, Umgang mit Fehlverhalten). Sein Erfolg danach zeigt das große Misstrauen eines Teils der Bevölkerung gegenüber etablierten Medien und den Hunger nach alternativen, vermeintlich ungefilterten Stimmen.
- Die politische Polarisierung: Reichelts Karriereweg vom Mainstream-Chefredakteur zur Galionsfigur des systemkritischen Lagers spiegelt die zunehmende Spaltung der Gesellschaft wider. Er bedient und befeuert diese Spaltung gleichermaßen.
- Die Frage nach Verantwortung: Wo endet meinungsstarker Journalismus und wo beginnt bewusste Desinformation? Die Debatte um Reichelts aktuelles Schaffen dreht sich genau um diese Grenzziehung.
Fazit: Ein unvollendetes Kapitel
Julian Reichelts Geschichte ist noch nicht zu Ende. Sie ist eine Geschichte von Talent, Macht, Hybris und Wandlungsfähigkeit. Sie handelt von den dunklen Seiten der Medienmacht und vom Aufstieg alternativer Öffentlichkeiten in einer fragmentierten Gesellschaft. Egal, ob man ihn verachtet oder verehrt – er bleibt eine Schlüsselfigur für das Verständnis der deutschen Medien- und Politiklandschaft im 21. Jahrhundert. Sein weiterer Weg wird ein Indikator dafür sein, wohin sich der öffentliche Diskurs in Zeiten der Polarisierung und des Vertrauensverlusts entwickelt. Die entscheidende Frage bleibt: Stärken oder schwächen solche Figuren am Ende die Demokratie?
FAQs zu Julian Reichelt
Was hat Julian Reichelt getan?
Julian Reichelt war von 2018 bis Oktober 2021 Chefredakteur der Bild-Zeitung und von Bild Digital. Unter seiner Führung wurde die Bild politisch einflussreicher und aggressiver digital. Er wurde im Oktober 2021 von der Axel Springer SE fristlos entlassen, nachdem Vorwürfe des Machtmissbrauchs und persönlicher Verfehlungen gegenüber Mitarbeiterinnen öffentlich wurden. Eine interne Untersuchung legte nahe, dass er seine Führungsposition in nicht angemessener Weise genutzt und den Arbeitgeber über das Ausmaß der Vorgänge getäuscht hatte.
Welcher Milliardär steckt hinter Reichelt?
Hinter Julian Reichelts Karriere bei Bild stand vor allem Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer SE. Döpfner gilt als Reichelts Förderer und protegé. Der eigentliche „Milliardär“ im Hintergrund des Springer-Verlags war jedoch lange Friede Springer, die Witwe des Verlagsgründers Axel Springer und bedeutende Aktionärin, die den Kurs des Hauses maßgeblich mitprägte. Heute ist Reichelt nicht mehr an einen großen Verlag gebunden und finanziert seine Projekte vermutlich durch Bucheinnahmen, Podcast-Sponsoring und Honorare für Vorträge.
Was macht Julian Reichelt heute?
Julian Reichelt ist heute als autor, Podcaster und Redner tätig. Er betreibt den Podcast „Die Nachrichten-WG“, tritt als Gast in verschiedenen, oft systemkritischen Medienformaten auf (wie z.B. früher RT DE, AUF1) und hält vielbeachtete Reden, insbesondere auf Veranstaltungen der AfD und des neurechten Spektrums. 2023 veröffentlichte er das politische Sachbuch „Die Volksrepublik Deutschland“, das zum Bestseller wurde. Er positioniert sich als scharfer Kritiker der Bundesregierung und der etablierten Medien.
In welcher Partei ist Julian Reichelt?
Julian Reichelt ist kein offizielles Mitglied einer politischen Partei. Er tritt jedoch regelmäßig als Redner auf Parteitagen und Veranstaltungen der Alternative für Deutschland (AfD) auf und äußert sich in seinen Formaten sehr wohlwollend über die Partei und ihre Positionen. Diese enge inhaltliche und auftretmäßige Anbindung führt dazu, dass er öffentlich stark mit der AfD assoziiert wird, auch ohne formales Parteibuch. Vor seiner Entlassung bei Bild war er kein öffentlicher Unterstützer einer bestimmten Partei, obwohl die Bild unter ihm einen klar konservativ-wirtschaftsliberalen Kurs fuhr.








