Es gibt Stimmen, die kommen und gehen, und dann gibt es Stimmen, die einbrechen wie ein Meteorit, die Landschaften neu formen und einen unauslöschlichen Krater in der kulturellen Erinnerung hinterlassen. Nina Hagen ist eine solche Stimme. Mehr als nur eine Sängerin, war und ist sie eine kulturelle Erschütterung, eine schrill-bunte Prophetin des Punk, eine schamanistische Kräftebündlerin und eine der faszinierendsten und eigenwilligsten Persönlichkeiten, die die deutsche Musiklandschaft je hervorgebracht hat. Ihre Karriere ist eine Achterbahnfahrt durch Genres, Ideologien und persönliche Metamorphosen – ein Leben als Kunstwerk.
Frühe Jahre: Zwischen Ost-Berlin und der Mutter, der Schauspiellegende
Ihre Geschichte beginnt am 11. März 1955 in Ost-Berlin. Geboren als Catharina Hagen, war sie von Beginn an vom Theater umgeben. Ihre Mutter, Eva-Maria Hagen, war eine gefeierte Schauspielerin in der DDR, ihr Stiefvater, Wolf Biermann, der umstrittene Liedermacher und systemkritische Poet. Dieser familiäre Nährboden aus Kunst und politischer Haltung prägte sie tief. Schon als Kind fiel ihre außergewöhnliche Gesangsstimme auf, die mehrere Oktaven umfasste und von tiefem Gospel bis zu operettenhaften Höhen alles zu bewältigen schien. Sie erhielt eine klassische Gesangsausbildung an der Berliner Komischen Oper – eine Disziplin, die später die Grundlage für ihre anarchistische Zertrümmerung eben jener Gesangsregeln werden sollte.
Doch die Enge der DDR, die Überwachung und die Repressionen gegen ihren Stiefvater Biermann, der 1976 ausgebürgert wurde, wurden unerträglich. Der Wunsch nach künstlerischer und persönlicher Freiheit trieb sie in den Westen. 1976, im selben Jahr wie Biermanns Ausbürgerung, verließ auch Nina Hagen die DDR – ein einschneidender Moment, der sie zur politischen Flüchtlingin und zur suchenden Kosmopolitin machte.
Der Punk-Urknall: „Nina Hagen Band“ (1978)
Im Westen traf sie auf die aufkeimende Punkbewegung. Und hier geschah die Explosion. 1978 brachte sie mit der „Nina Hagen Band“ ihr gleichnamiges Debütalbum heraus. Es war ein seismisches Ereignis. Plötzlich prallte perfekt geschulte Stimmgewalt auf wütende Gitarren, schräge Synthesizer und Texte, die zwischen existenzieller Verzweiflung („Auf’m Bahnhof Zoo“), schriller Satire („TV-Glotzer“) und eskapistischen Fantasien („Pank“) pendelten. Ihre Stimme war die Waffe: Sie gurrte, kreischte, jodelte, flüsterte, fetzte und glissandierte, als wäre ihr Stimmbruch nie passiert. Sie wurde zur „Mutter des deutschen Punk“ erklärt – eine Rolle, die sie mit schriller Extravaganz und surrealen Outfits ausfüllte. Songs wie „Unbeschreiblich weiblich“ und „African Reggae“ wurden zu Hymnen einer Generation, die sich von den alten Mustern lossagen wollte.
Die spirituelle Wende: Von „NunSexMonkRock“ zur Guru-Schülerin
Das zweite Album mit ihrer Band, Unbehagen (1979), trieb die Dinge weiter auf die Spitze. Doch dann folgte der überraschende Bruch. Sie löste die Band auf und zog nach London, dann nach Los Angeles. Ihr internationales Solo-Debüt NunSexMonkRock (1982) war ein monströses, geniales, unzugängliches Konzeptalbum, das Punk, New Wave, Oper, Disco und esoterische Lyrics zu einem schrillen Gesamtkunstwerk verband. Es markierte den Beginn ihrer intensiven spirituellen Suche.
Die 80er Jahre wurden zur Phase der Transformation. Sie konvertierte zum Hare-Krishna-Glauben, was ihre Musik und ihr Image tiefgreifend beeinflusste. Alben wie Fearless (1983) oder Nina Hagen in Ekstasy (1985) waren eine Mischung aus poppigen Tänzen und religiös-erotischen Inhalten. In dieser Zeit feierte sie auch internationale Erfolge, besonders mit Titeln wie „New York, New York“ und der Duett-Single „Where’s the Party?“ mit Lene Lovich. Sie wurde zu einem Star in der New Yorker Clubszene, eine Ikone der Androgynität und des excessiven Stils.
Die 90er und darüber hinaus: Die beständige Wandlung
Nina Hagen weigerte sich stets, in einer Schublade zu bleiben. In den 90ern wandte sie sich wieder verstärkt ihrer Heimat zu. Das Album FreuD euch (1995) war eine Rückkehr zu deutschen Texten und einer eher rockigen Klangwelt. Sie entdeckte ihre Rolle als Mutter (ihr Sohn Otis wurde 1990 geboren) und begann, sich politisch und ökologisch zu engagieren. Sie trat für Tierrechte ein, unterstützte die Grünen und nutzte ihre Prominenz für politische Statements.
Ihre Stimme, dieses unverwechselbare Instrument, blieb über alle Wandlungen hinweg intakt. Sie zeigte ihre Vielseitigkeit in Musical-Projekten (wie „Hair“), als Synchronsprecherin (sie lieh ihre Stimme z.B. der „Hexe“ in „Rapunzel – Neu verföhnt“) und immer wieder mit neuen Alben, die stets ihre aktuellen geistigen und musikalischen Erkundungen widerspiegelten.
Das Vermächtnis: Die unsterbliche Außerirdische
Was ist das Geheimnis von Nina Hagens anhaltender Faszination? Sie ist mehr als eine Sängerin; sie ist ein Phänomen. Sie verkörpert radikale Authentizität in einer Welt der Inszenierungen. Jede Phase ihres Lebens – die DDR-Flüchtling, die Punk-Ikone, die spirituelle Sucherin, die politische Aktivistin, die Reinkarnation einer Operndiva in einem Punk-Körper – war und ist hundertprozentig echt, kompromisslos und mit ihrer charakteristischen schrillen Intensität gelebt.
Sie hat Generationen von Künstlern beeinflusst, von Punk- über Electro- bis hin zu Avantgarde-Musikern. Sie bewies, dass Weiblichkeit nicht lieblich sein muss, sondern kraftvoll, schräg, dominant und komplex sein kann. Sie zeigte, dass eine klassische Ausbildung kein Gefängnis, sondern ein Werkzeugkasten für anarchistische Kunst sein kann.
Heute ist Nina Hagen eine weise, aber keineswegs ruhiggestellte Eldorin der deutschen Musik. Sie ist eine lebende Legende, die sich nach wie vor nicht scheut, ihre Meinung zu sagen, aufzutreten und ihr Publikum mit ihrer ungebrochenen Energie zu elektrisieren. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass man sich treu bleiben und sich doch ständig verwandeln kann. Sie ist, wie sie es selbst immer sagte, eine „kosmische Braut“, ein Außerirdischer in Menschenform, der uns mit ihrem Talent und ihrer Unangepasstheit seit über vier Jahrzehnten in Staunen und Verwirrung versetzt.
FAQs über Nina Hagen
Was ist aus Nina Hagen geworden?
Nina Hagen ist nach wie vor künstlerisch und aktivistisch tätig. Sie lebt zurückgezogener als in ihren wilden Jahren der 70er und 80er, tritt aber weiterhin regelmäßig auf Konzerten und Festivals auf. Sie engagiert sich nach wie vor leidenschaftlich für Tierrechte, Umweltschutz und politische Themen. Auch musikalisch ist sie nicht still: Sie veröffentlicht hin und wieder neue Musik (wie das Album „Personal“ 2010 oder die Single „Unity“ 2020) und beteiligt sich an Projekten. Zudem ist sie als Synchronsprecherin tätig. Sie hat sich zu einer respektierten, wenn auch immer noch schrillen, Stimme in der deutschen Kulturlandschaft entwickelt.
Welche Krankheit hat Nina Hagen?
Nina Hagen hat in der Vergangenheit offen über gesundheitliche Herausforderungen gesprochen. Bekannt ist, dass sie unter einer chronischen Borreliose leidet, die sie sich durch einen Zeckenbiss zugezogen hat. Diese Erkrankung kann mit anhaltender Müdigkeit, Gelenkschmerzen und Erschöpfung einhergehen. Hagen hat dies mehrfach als Belastung erwähnt. Darüber hinaus hat sie in Interviews auch von psychischen Krisen und einem Burnout in den 90er Jahren berichtet, die sie durch ihre spirituelle Praxis und einen Lebenswandel zu bewältigen suchte.
Was macht der Sohn von Nina Hagen?
Nina Hagens Sohn heißt Otis Lukas Hagen. Er wurde 1990 geboren und ist der Sohn von Nina Hagen und ihrem damaligen Ehemann, dem deutschen Punk-Musiker Frank Chevais (Mitglied von „The Bags“). Otis Hagen hat sich bewusst aus dem Rampenlicht herausgehalten und führt ein sehr privates Leben. Er ist nicht im Showbusiness tätig. Es ist bekannt, dass er in Berlin lebt und einen bürgerlichen Beruf ausübt. Nina Hagen hat stets großen Wert darauf gelegt, ihr Kind von der Öffentlichkeit fernzuhalten und ihm ein normales Leben zu ermöglichen.
Wo wohnt Nina Hagen aktuell?
Nina Hagen lebt seit vielen Jahren in der Nähe von Berlin. Genauer gesagt, hat sie sich in einem Haus im Grünen, in der brandenburgischen Idylle unweit der Hauptstadt, niedergelassen. Sie schätzt die Ruhe und die Natur, die einen starken Kontrast zum lauten, hektischen Leben ihrer früheren Jahre in Metropolen wie New York oder Los Angeles darstellt. Gelegentlich hält sie sich auch in Portugal auf, wo sie ein weiteres Domizil besitzt. Ihr Lebensmittelpunkt ist und bleibt aber eindeutig die Region Berlin/Brandenburg.








